stadt_potenziale

Deutsch-Deutsche Übersetzungwerkstatt

ein Projekt von 8ung Kultur
stadt_potenziale 2008, Fördersumme: € 4.000,–
Durchführung: 2009–2010

Projektbeschreibung

Übersetzungswerkstätten sind in aller Munde und Welt. Poesie der Nachbarn, Versschmuggel, Colloquien: In verschiedensten Programmen treffen deutsche Dichter auf fremdsprachige Dichter, widmen sich für ein paar Tage der nie endenden Aufgabe, die Sprache des anderen in ein deutsches Gedicht zu verwandeln. Der einfachste Satz kann in unendlichen Versionen wiedergegeben werden. Jedes übertragene Gedicht wird immer eine Annäherung bleiben. Lebende Autorinnen und Autoren haben die schöne Möglichkeit, sich im Gespräch zu treffen, unzählige Fragen an das fremde Gedicht und seinen kulturellen Kontext zu stellen, bis beide Partien im besten Fall nicht nur einander, sondern das Gedicht verstanden haben.

Wer aber stellt die Fragen an das zeitgenössische deutsche Gedicht? Wer überträgt es uns, wer trägt es? Die Deutsch-Deutsche Übersetzungswerkstatt ist eine Versuchsanordnung, in der es mitnichten darum gehen soll, aus verschiedenen deutschen Dialekten oder Mundarten zu übersetzen, sondern darum, dass deutsch schreibende Dichterinnen und Dichter nachfragen, sich gegenseitig nachgehen und die Übersetzung als Nach-Dichtung begreifen.

Vor ein paar Jahren haben wir die These aufgestellt, dass Verfahren, die in populären zweisprachigen Übersetzungswerkstätten angewendet werden, auch innerhalb der Deutschen Lyrik spannend sein könnten. Was in Werkstätten nämlich fasziniert, ist die direkte Auseinandersetzung der Lyrikerinnen und Lyrikern mit dem zu übersetzenden Material. Es werden Fragen zu den Gedichten gestellt, die sonst, an Lesungen oder anderen Treffen, kaum gestellt werden; scheinbar banale Fragen, die zum Übersetzen aus einer Fremdsprache unabdingbar sind, getraut man sich jemandem, der in der – vordergründig – gleichen Sprache schreibt, nicht zu stellen. Was als These begann, als Idee einer einmaligen Übersetzungswerkstatt, mündete in ein sehr intensives Arbeiten an Texten von zwölf Lyrikerinnen und Lyrikern. Darauf folgten Lesungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz und nicht zuletzt ein Buch, das noch in diesem Herbst erscheinen wird. In diesem Buch treffen sich „Übersetzungen“, Nachdichtungen von Urs Allemann, Elke Erb, Christoph W. Bauer, Oswald Egger, Barbara Hundegger, Sabina Naef, Ulf Stolterfoht, Christian Uetz, Raphael Urweider, Anja Utler, Jan Wagner und Peter Waterhouse. Eindrücklich scheint sich die These, dass Lyrik auch von Deutsch nach Deutsch übersetzbar ist, zu bestätigen. Dies hat uns Mut gemacht, eine Neuauflage der Deutsch-Deutschen Übersetzungswerkstatt durchführen zu wollen, mit neuen Kombinationen und zum Teil neuen Autorinnen und Autoren.

Mit dieser neuartigen Plattform ist die einmalige und innovative Chance gegeben, sich der zeitgenössischen deutschsprachigen Poesie nicht in einem literaturwissenschaftlichen Diskurs von außen, sondern mit einem experimentellen Verfahren sozusagen von innen – mit den Dichtern selbst zu nähern. Vorraussetzung dafür ist natürlich, dass Dichter und Dichterinnen aus dem gesamten deutschen Sprachraum einbezogen werden, und dass mit ihnen verschiedenste poetologische Standpunkte aufeinander treffen.

Das Modell der fremdsprachigen Übersetzungswerkstätten ist das Vorbild. In drei- bis viertägiger Zusammenarbeit bilden sich Zweiergruppen von gegensätzlich Schreibenden, die sich annähern, indem sie das Gedicht des anderen in die eigene poetische Sprache „übertragen“.

Diese Arbeit initiiert poetologische sowie handwerkliche Fragen, zu denen es sonst nur bei der Arbeit des Übersetzens kommt, poetische Reflexionen und Diskussionen über das Verstehen und Nicht-Verstehen in ein und derselben Sprache. Als solches ist das Projekt kein statisches, und sein Ergebnis nicht vorhersehbar: Die Begegnungen haben ihre eigene Dynamik entwickelt. Im Laufe der Präsentation in verschiedenen Städten des deutschen Sprachraums hat sich gezeigt, dass sich nicht nur die vorausgegangen Fragen verändert haben, sondern auch die Antworten.

Übersetzung wird von uns im weiteren Sinne als „Nachdichtung“ verstanden. Wo immer Dichter andere Dichter übersetzen, steht nicht so sehr die philologische Erschließung des Originals, sondern seine Nachempfindung, eben Nachdichtung in der neuen Sprache im Vordergrund. Genau dieser Aspekt spielt auch bei unserem Projekt eine große Rolle. Da Ausgangs- und Zielsprache ja in allen Fällen das Deutsche sein wird, geht es bei der Übertragungsarbeit vor allem darum, den Inhalt oder die poetischen Verfahrensweisen aus der Sprache des einen Dichters in die poetische Sprache des anderen Dichters zu übertragen – sie also mit den eigenen poetologischen Maßstäben nachzudichten.

Und nicht zuletzt entstanden auch neue Erkenntnisse über das Handwerk des Dichtens und des Übersetzens, sowie spannende Veranstaltungen, die dem Publikum eine andere oder zusätzliche Einsicht in das Gedicht ermöglichen – und natürlich neue Gedichte.

Veranstaltungen

Geplant ist, die Werkstatt im Mai/Juni, ev in Romainmòtier, durchzuführen. Jeweils sechs Paare – also 12 Dichter, die verschiedenen Generationen angehören – aus der Schweiz, Österreich und Deutschland – werden eingeladen. Zum Abschluss der drei- oder viertägigen Werkstatt werden die Arbeiten wieder in Lesungen und Gesprächen vorgestellt, bei der die teilnehmenden Autoren auch von den wichtigen Erfahrung in der Werkstattarbeit berichten. Diese Veranstaltung bereist nach der Werkstatt je drei literarische Zentren in den drei deutschsprachigen Ländern, wo die Autoren und Autorinnen nochmals ihre Gedichte und das Zusammenarbeiten vorstellen, von ihren deutsch-deutschen Übersetzungs- Erfahrungen berichten und davon, welche Eindrücke die Reise „im Deutschen“ möglicherweise in ihrem eigenen Schreiben hinterlassen hat.

Somit bekommt das Publikum einen einmaligen Einblick in die verschiedenen Arbeitsweisen der Lyriker, die ihre poetologische Auffassung in einem offenen Kontext darlegen.

Diese Präsentationen werden mit der Sprache der Lyrik ein breiteres Publikum erreichen; es wird die sprachinteressierten Hörer, wie auch Leserinnen und Leser ansprechen, die bisher wenig oder kaum mit Lyrik in Berührung kamen.

Buch

Im November 2010 erschien bei roughbook Urs Engeler, Hans Ruprecht (Hg.): Deutsch-Deutsche Übersetzungswerkstatt mit Beiträgen von Urs Allemann, Christoph W. Bauer, Oswald Egger, Elke Erb, Barbara Hundegger, Sabina Naef, Hans Ruprecht, Ulf Stolterfohlt, Christian Uetz, Raphael Urweider, Anja Utler, Jan Wagner, Peter Waterhouse (vergriffen).