stadt_potenziale

… ich will an den inn

ein Projekt von columbosnext
stadt_potenziale 2008, Fördersumme: € 4.000,–, Durchführung: 2008–2010
ich will an den inn, Projektgrafik: columbosnext
Das Mädchen und der Fluss

Sie hatte vor einigen Jahren das Hochwasser gesehen: wie der Inn größer und größer wurde, die ganze Stadt in Aufregung versetzte und die ganze Aufmerksamkeit auf sich zog – endlich. Und als er dann anfing, seine nassen Finger in die Stadt vorzustrecken, nach ihr tastend – war es doch seine Stadt – und wie alle dann aufatmeten hinter den Barrikaden aus Sandsäcken und Schaltafeln, als er es dabei beließ.

Sie war oft an seinen Ufern gesessen, als er gemächlich dahinfloss, und hatte seinen Geschichten zugehört, seinen Bewegungen gelauscht und ihr eigenes Dahinfließen besser verstehen können, hatte von ihm gelernt, und er beruhigte sie, wenn sie sich Sorgen machte oder wenn sie aufgebracht war.

Wie konnte das ein und derselbe Fluss sein? … dachte sie … doch, es war derselbe Fluss. Und sie dachte weiter darüber nach, welche Haltung sie einnehmen sollte, gegenüber diesem Wesen; um an seiner Seite zu bleiben, seine Bedrohungen auszuhalten, zu verstehen, sich davor in Acht zu nehmen, sich aber gleichzeitig nicht dadurch seiner Erzählungen zu berauben …

Wie der kleine Vogel wollte sie über seinem Ufer sitzen, zwischen den Bäumen – nah genug, um den Geschichten zu lauschen …

… und weit genug weg, um keine nassen Füße zu bekommen.
ich will an den in, Projektgrafik: columbosnext
Einreichung – Kurzbeschreibung

Vergangenen Herbst (2007) beauftragte uns das „aut. architektur und tirol“ (vormals Architekturforum Tirol), eine Bar für die Architekturtage 08 im Walther-von-der-Vogelweide-Park in Innsbruck zu konzipieren. Die Bar soll eine temporäre Installation in diesem Parkraum sein, Möglichkeiten der Architektur und das ambivalente Verhältnis der Stadt zum Inn thematisieren, sowie während der Architekturtage im Mai 2008 ein Treffpunkt für deren Besucher sein. Infolge dessen entstand der Entwurf eines temporären Bauwerks, einer Art „Reeling“, genau an der Grenze zwischen Flussraum und öffentlichem Grünraum.

Zwei Metaphern sind in dieser Hinsicht zentral: die des Treibholzes, das sich am Ufer ansammelt und zur Struktur wird; und die der Membran, die gleichzeitig trennt und verbindet (Semipermeabilität).

Wir verstanden das Projekt zunächst nicht als reinen Planungs- und Bauauftrag, sondern sahen und sehen darin die Möglichkeit, unsere Arbeitsweise und Zielvorstellungen im öffentlichen Raum zu reflektieren und zu überprüfen. In diesem Sinn haben wir ein urbanes Netzwerkprojekt erarbeitet, das in Kooperation mit verschiedenen Personen sowie Institutionen vor Ort konzipiert wurde und in dem columbosnext als Netzwerkknoten fungiert.

Diesen stadtentwicklungstechnischen wie auch lebensweltlichen Ansatz versuchen wir im vorliegenden Projekt zu verwirklichen. Denn zur Möglichkeit einer baulichen Intervention, der Schaffung einer physischen Infrastruktur, kommt in diesem Projekt vor allem auch ein kommunikativer und kultureller Aspekt hinzu: Arbeit am Thema, Einbeziehung von ParknutzerInnen, ExpertInnen (ArchitektInnen, StadtplanerInnen, KünstlerInnen), ein prozesshaftes Ausloten des Vorhabens. Denn es soll neben einem physischen Objekt durch Vernetzungsarbeit ein ideeller Raum gestaltet werden, in dem Reflexion, Diskussion und Weiterführung eines Themas stattfinden kann, das für das Leben in Innsbruck relevant ist und ein wichtiges Potenzial dieser Stadt darstellt: der öffentliche Flussraum und der Umgang mit diesem. Zentrale Fragen zur Urbanität sollen aufgeworfen, neu formuliert und zum Teil auch beantwortet werden. Folgende Fragestellungen werden thematisiert: Wie ist mein Verhältnis zum Fluss? Was weiß ich über den Inn? Was bedeutet ein Gewässer in meinem unmittelbaren Lebensraum für meine Lebensqualität? Bin ich mit der Situation zufrieden? Was wäre zu erhalten und/oder zu fördern? Was müsste man an der derzeitigen Situation ändern? Wie grenzt sich die Stadt vom Wasser ab und welches Potenzial an Kontaktnahme gibt es? Die Beschäftigung mit diesen Themen soll sowohl auf einer professionellen (mit ArchitektInnen, StadtplanerInnen, KünstlerInnen, politischen Verantwortlichen, UmweltexpertInnen) wie einer partizipativen Ebene (ParknutzerInnen, AnrainerInnen) stattfinden.

Wichtig erscheint uns als Gruppe columbosnext, dass wir im Zuge dieses Projekts unsere Erfahrungen reflektieren, unsere Arbeitsweise eventuell auch ändern und letztendlich den gesamten Prozess präsentieren können. Daher wollen wir auch ein Netzwerk von Leuten mit unterschiedlichem Background und Pozential, das wir in dieser Stadt vorfinden, mobilisieren, um miteinander in Diskussion zu treten und sich einer gemeinsamen Sache zu widmen. Darüber hinaus sollen auch internationale Gäste eingeladen werden, um den Diskussionsprozess zu ergänzen. Geplant ist eine Dokumentation des gesamten Prozesses. 
Lageplan und Ansichten: columbosnext
… ich will an den inn, Lageplan: columbosnext
… ich will an den inn, Ansichten: columbosnext
Veranstaltungen (Auswahl)
Das Projekt … ich will an den inn wurde im Mai 2010 abgebaut und fand seine Fortsetzung im Projekt Immaterielle Baustelle – Impulse am Inn.
Frühstück im Park
ich will an den inn – Frühstück im Park. Foto: columbosnext
ich will an den inn – Frühstück im Park. Foto: columbosnext
ich will an den inn – Frühstück im Park. Foto: columbosnext
Resumée und Ausblick

Wir konnten das Bauvorhaben termingerecht realisieren. Stehen bleiben wird die Plattform vorläufig bis Mitte September, wobei eine Verlängerung der Standzeit durch die Verantwortlichen der Stadt nicht ausgeschlossen ist. (Die Plattform blieb bis Mai 2010 erhalten, Anm.)

Planungsphase/Behörden/Finanzierung
- Honorare und Baustellenkosten durch den Bauherrn aut.Architektur und Tirol
- Baumaterial/Werkzeug/Expertisen/Facharbeiter/Strom durch private Sponsoren: binder holz, fröschl bau, haberkorn ulmer, aste, zimmermann, pro holz, zum tobel, rothoblaas, Innsbrucker Kommunalbetriebe, ibis acam/Reba Bau, bionade, hilti, huber
- Haftpflichversicherung architektenkammer tirol & vorarlberg. Das den Bauprozess begleitende Programm – das Frühstück im Park, die Uferwerkstatt und die Eröffnung, sowie unsere ständige Anwesenheit auf der Baustelle ermöglichte uns einen vielschichtigen Dialog mit AnrainerInnen und Nutzern des Parkes. Diese Aktivitäten sind mit 4.000 Euro von der Stadt Innsbruck, im Rahmen der Stadtpotenziale 08 der Stadt Innsbruck gefördert!Ein großer Teil der investierten Arbeit, sowohl von unserer Seite als auch von der der vielen Helfer, ist Eigenleistung.

Es kam viel zurück: spontane Hilfeleistungen, Mitarbeit und anderweitige Unterstützung, konstruktive und weniger konstruktive Kritik (zu beobachten war auch, dass der eine oder andere deklarierte „Gegner“ des ganzen Vorhabens oft nach Klärung von Missverständnissen – z.B. waren einzelne der Meinung, es handle sich um einen weiteren EM-Hotspot – entweder durch direkte Gespräche oder durch schriftliche Informationen und sichtbarer Entwicklung des Bauwerks – ihre Ansicht revidierten.

Insgesamt waren die Reaktionen hauptsächlich zwischen Neugierde und wohlwollendem Interesse angesiedelt, was uns sehr freute. Während der Bauzeit gaben Passanten dem Bauwerk Namen oder rätselten über dessen Bestimmung (einer der häufigsten war: Arche Noah, was wir dann zum Anlass nahmen bei der Eröffnung eine Schiffstaufe zu inszenieren und T-Shirts für die Bauhelfer mit der Aufschrift „WerftarbeiterIn“ drucken zu lassen).

Wie auch bei den beiden Veranstaltungen im Vorfeld und bei der Eröffnung zu spüren war, gibt es einen breite Akzeptanz für das Projekt.

Wir ziehen uns nicht einfach von der Baustelle zurück, denn wir sind für die Instandhaltung der Plattform verantwortlich. Der Bauwagen, der vor Baubeginn in den Park gebracht wurde, dient weiterhin als Lager und Infrastrukturzelle. Auf ihm können auch Plakate angebracht werden.

Neben der physischen Wartung des Bauwerks gibt es Aufgaben der „funktionellen Instandhaltung“: Einerseits ist die Plattform ab der Eröffnung ein Teil der Parkinfrastruktur und kann vielfältig genutzt werden und wird es auch, andererseits treten wie bei jedem öffentlichen Raum Situationen auf, die regulierende Vorkehrungen nötig machen. (wenn es z. B. zu starker Verschmutzung oder Beschädigung kommt).

Wir beobachten auch, wie es uns als Planer und Ausführende geht.
Uferwerkstatt
ich will an den inn – Uferwerkstatt. Foto: columbosnext
ich will an den inn – Uferwerkstatt. Foto: columbosnext
ich will an den inn – Uferwerkstatt. Foto: columbosnext
Nutzung der Plattform

Wir verfolgen interessiert die alltäglich Aneignung der Plattform durch Parkbesucher, sie Plattform wird gut besucht und angenommen.

Veranstaltungen

Es ist uns ein Anliegen, dass die Veranstaltungen folgende Bedingungen erfüllen:
- Keine kommerziell oder parteilich orientierten Veranstalter
- Berücksichtigung der Lage im Park und Wohngebiet, was v.a. Lautstärke betrifft.

Mehrere gemeinnützige Vereinigungen haben bereits angefragt ob bzw. wurden von uns darauf angesprochen, die Plattform zu nutzen, u. a.:
- Freirad (Freies Radio) Podiumsdiskussion
- Plattform Mobiler Kulturinitiativen/Bar Irma
- Fairanstalterinnen (Picknick und Info zu fairtrade)
Künstler aus der Nachbarschaft Innstraße.

Eigene Veranstaltungen bzw. in Kooperation

Präsentation eines Dokumentarfilms über das Projekt von Los Gurkos Prod. + Präsentation von weiteren entstehenden Publikationen.

Wir planen eine Diskussion zum Themenkomplex Öffentlicher Raum und suchen dafür Kooperationspartner (gedacht ist an die baettlegroup for art, deren Arbeit sich heuer gerade diesem Thema widmet)

Fazit

Wir können mit viel Freude beobachten, wie ein neuer Ort im öffentlichen Raum zu leben beginnt.
Eröffnung
ich will an den inn – Eröffnung. Foto: columbosnext
ich will an den inn – Eröffnung. Foto: columbosnext
ich will an den inn – Eröffnung. Foto: columbosnext
ich will an den inn – Eröffnung. Foto: columbosnext
ich will an den inn – Eröffnung. Foto: columbosnext
ich will an den inn – Eröffnung. Foto: columbosnext
columbosnext

columbosnext besteht aus Mitgliedern eines Netzweks, das sich im Zuge des ersten Sumotwisters und der Arbeit an einem weiterführenden Konzept gebildet hat. Dazu gehören neben Columbosnext, Mitglieder der Bands Zulu und Tantegert, Stichprobe, der Vereine LosGurkosProd, Plankton Labs, Institut für Wissenschaft und Forschung Wien, Cunst&Co und anderer Personen aus der Innsbrucker Kulturszene.columbosnext versteht sich als offene Gruppe zur Erweiterung des Architekturfeldes. Zur Zeit arbeiten im Wesentlichen elf Personen in diesem Sinne zusammen. Aus der Überlegung heraus, dass junge Menschen versuchen, ihre Perspektiven abseits des Universitären und Professionellen im Urbanen und auf interdisziplinären Ebenen zu erweitern und sichtbar zu machen.

Vergleichbar mit dem Café Vanilla im Wien der frühen 70er Jahre setzt columbosnext subjektive Akzente zur Architektur, Urbanität und Kultur in Innsbruck. Ziel ist das Schaffen einer „Knautschzone“ zur vorgefundenen Umwelt, innerhalb derer Gedanken und Konzepte frei zur Diskussion stehen und eine Auseinandersetzung mit Architektur, Kultur und Gesellschaft stattfinden kann. Unser Arbeitsplatz, Vortragsort und Ausstellungshaus ist das Stellwerk 2 über den Geleisen, Südbahnstraße 1b, Innsbruck.

Das Stellwerk 2, ein aufgelassenes ÖBB-Gebäude im Areal des Hauptbahnhofes Innsbruck, welches wir mittlerweile schon seit vier Jahren mieten, ist zugleich Plattform und Labor für Projekte und Experimente der Gruppe columbosnext und Menschen aus unterschiedlichen Disziplinen und Kontexten. Es wird auch für das vorliegende Projekt als infrastrukturelle Basis fungieren.

www.columbosnext.com/020.htm

www.columbosnext.com 
Konzert mit Wolfgang Mitterer. Foto: columbosnext
Konzert mit Wolfgang Mitterer. Foto: columbosnext