stadt_potenziale

rotACHSEgrün

ein Projekt von Leo Gutman
stadt_potenziale 2008, Fördersumme: € 2.000,–, Durchführung: 2008–

rotACHSEgrün. Foto: Leo Gutmann
rotACHSEgrün. Foto: Leo Gutmann
Rot und Grün sind nicht nur die Farben der Brillenfolien, um in den Anaglyphen Räumlichkeit wahrnehmen zu können, sie sollen auch Zeichen dafür sein, daß die Dinge nicht nur mit einäugiger Zyklopensicht angeschaut, angehört, angepackt werden sollten.
Leo Gutmann

Projektbeschreibung

Rot steht für die linke, grün für die rechte Seite! (nicht politisch zu verstehen) Dazwischen die Achse der Wahrnehmung. In ihr wird die Welt bewusst und der Bewusstwerdende selbstbewusst. rotACHSEgrün ist ein Stereo- Raumbildprojekt, bei dem Anaglyphen und die Musik, die inspiriert durch die Arbeit an den Bildern entstanden ist, eine Einheit bilden.

„Anaglyphen“ (griechisch – wie aus Stein herausgehauen, Relief), sind Stereobilder in Komplementärfarbenmethode (rot/grün). Diese werden mit speziellen Aufnahmetechniken wie unterschiedliche Augenabstände, Raumumstülpungen, Kurzzeitfotografie, Rorschachtest-Bilder hergestellt und in HDAV-Qualität mit digitaler Überblendtechnik projiziert.

Das Orchester (Flöte, Klarinette, Horn, Trompete, Posaune, Tuba, Synthesizer, Perkussion) ist so vor der Leinwand positioniert, dass der Dialog zwischen den einzelnen Instrumenten erkennbar ist. Projizierte Anaglyphen und Musiker bilden eine Einheit, eine Installation.

Parallel zur Aufführung findet eine Ausstellung von „Achseobjekten“ und hochwertigen Ausdrucken der in der Schau verwendeten Anaglyphen statt.
rotACHSEgrün: Nordketten-Anaglyphen-Objekt. Foto: Leo Gutmann
rotACHSEgrün: Nordketten-Anaglyphen-Objekt. Foto: Leo Gutmann
Nordketten-Anaglyphen-Objekt

Das Nordketten-Anaglyphen-Objekt besteht aus zwei Panoramen, deren Aufnahmestandpunkte 100 Meter voneinander entfernt waren. Jedes dieser Panoramen wurde aus ca. 50 Einzelaufnahmen zusammengesetzt.

Das Panoramabild des linken Standpunktes wurde grün, das des rechten rot eingefärbt und die Bilder wurden übereinandergelegt.

Betrachtet man die so entstandene Anaglyphe mit einer „rot/grün-Brille“, nimmt man den Gebirgszug in seiner gesamten Räumlichkeit wahr, da der natürliche Augenabstand (6 cm) auf 100 Meter vergrößert wurde. Gespiegelt und an der Symmetrieachse pixelgenau zusammengefügt, mutiert das Anaglyphen-Panorama zu einem Objekt, an dessen Spiegelachse zahlreiche „Rorschachartefakte“ sich dem Betrachter entgegenstrecken.

Die Bearbeitung des Rohmaterials am Computer erfolgte in voller Auflösung, um keine Pixel und somit nicht an Detailgenauigkeit zu verlieren, und wurde auf das größtmögliche Format mit UV-resistenter Farbe ausgedruckt. Die Maße des Ausdruckes betragen 573 cm x 148 cm.

Gerahmt wird dieser Ausdruck in einem zerlegbaren 8-teiligen Holzrahmen mit entsprechender Montageschiene aus Eisen. Zum frontalen Schutz wird das Bild mit Plexiglas abgedeckt.

Damit jeder Interessierte auch die Räumlichkeit der „Nordketten-Anaglyphe“ wahrnehmen kann, sind drei Anaglyphen-Brillen aus Holz in einer Halterung im Rahmen integriert. Sie sind Teil des Objektes.

Das Nordketten-Anaglyphen-Objekt ist ein Produkt des Projektes „rotACHSEgrün“ 1, das im Januar 2010 im Rahmen der stadt_potentiale 08 im Fotoforum präsentiert wurde.

Angaben zum Nordketten-Objekt
Anaglyphen-Ausdruck mit UV-resistenten Farbpigmenten 573 cm x 148 cm
8-teiliger zerlegbarer Rahmen, weiß lackiert, 580 cm x 161 cm
Hartfaserplatten zur Stabilisation, Abdeckung und Isolierung der Rückseite, insgesamt 574 cm x 153 cm
2 x Plexiglasscheiben PMMA transparent 287 cm x 153 cm x 3 mm
3 Stück Anaglyphen-Brillen aus Holz mit Halterung
rotACHSEgrün: Anaglyphenbrille aus Holz. Foto: Leo Gutmann
rotACHSEgrün: Anaglyphenbrille aus Holz. Foto: Leo Gutmann
Nachbetrachtung

Es scheint fast so, als hätte ich mit diesem Projekt den sich in den letzten Jahren immer deutlicher abzeichnenden „3D-Trend“ in Film und Fernsehen vorweggenommen.

Bei „rotACHSEgrün“ geht es nicht um einen kommerziell vermarktbaren „3D-Kick“, sondern um eine, wie selbstverständlich zur Verfügung stehende Tatsache, nämlich die der Wahrnehmung. Ohne diese wäre unser Dasein sinnlos, da das Dasein nicht bemerkt werden würde.

Die Zeit, in der ich an diesem Projekt arbeitete, fiel genau in den Höhepunkt der „digitalen Revolution“. Der Großteil der fotografischen Aufnahmen wurde noch anhand analoger Diapositive hergestellt. Diese wurden höchstauflösend eingescannt und digital zu Anaglyphen weiterverarbeitet. Hochauflösende Digitalkameras waren damals viel zu teuer und konnten die Qualität des klassischen Dia noch nicht übertreffen. Außerdem werden für stereografische Aufnahmen zwei identische Kameras benötigt, was auch die Kosten verdoppelt.

Noch vor ein paar Jahren konnte man sich die Möglichkeiten, welche die digitale Medienbearbeitung heute bietet, nicht vorstellen (Bildbearbeitung, Projektion, Vertonung durch virtuelles Orchester).

Ich reichte das Projekt im Rahmen der stadt_potentiale 08 ein, wurde von der Jury ausgewählt und erhielt eine Förderung von Euro 2.000. Dies hatte vor allem die motivierende Wirkung, am Projekt weiterzuarbeiten und es zur Aufführung zu bringen. Schließlich gab mir Rupert Larl vom Fotoforum West die Möglichkeit, „rotACHSEgrün“ in seiner Galerie am 8. Januar 2010 zu präsentieren.

„rotACHSEgrün“ erfordert vom Betrachter „Wahrnehmungsarbeit“. Die Anaglyphen, zwei aus verschiedenen Perspektiven aufgenommene Bilder, markiert mit den Farben Rot und Grün und zu einem Bild vereint, müssen, um die stereografische Wirkung zu erleben, vom Betrachter wieder auseinandergenommen, also entschlüsselt werden. Genau mit diesem Prozess experimentiere ich. Ich experimentiere mit dem „Sich-bewusst-Werden“. Ich nehme die Abstände aus der Norm und ermögliche so ein ungewohntes Raumerlebnis, sofern sich der Betrachter darauf einlässt.

Trotz der aus terminlichen Gründen knappen Fristen war die Aufführung im Fotoforum West ein Erfolg.

In unserer medial übersättigten Umwelt ist es schwierig, ein Publikum auf ein Projekt wie „rotACHSEgrün“ aufmerksam zu machen, ein Publikum, das sich eigentlich dafür interessieren würde. Von den stadt_potentialen hätte ich mir mehr Unterstützung bei der direkten Umsetzung des Projektes in Form von Publizierungen in Radio, Fernsehen und Zeitung erwartet.

Das Projekt „rotACHSEgrün“, ich nenne es jetzt der Einfachheit halber „r| g“, wird von mir laufend verfeinert. Ich fotografiere mittlerweile mit digitalen Kameras, und wenn sich eine Möglichkeit ergibt, werde ich es einem interessierten Publikum vorführen.

Trailer und weitere Informationen: www.gutman.at/r-I-g.html