stadt_potenziale

Widerstand und Verfolgung in Innsbruck 1938–1945

ein Projekt von Freies Radio Innsbruck FREIRAD 105.9
stadt_potenziale 2008, Fördersumme: € 5.000,–, Durchführung: 09/2008

Projektbeschreibung

Der Ausgangspunkt

In Innsbruck wird dieses Jahr neben der Fußball Europameisterschaft, die uns Handy- und Internetüberwachung bringt, und den Tiroler Landtagswahlen im Oktober auch noch an den Anschluss Österreichs im März 1938 und der Reichspogromnacht im November desselben Jahres gedacht.

Im Jahr 1938 sprach Gauleiter Hofer von der Politik der „offenen Arme“. Gemeint war damit, dass es mehr Eintrittswillige in die NSDAP gab, als die Partei aufnehmen wollte. Hofer wollte jedoch, dass sich Tirol zu einem „Mustergau des Deutschen Reiches“ entwickeln sollte, und das schlug sich in den Zahlen der Mitglieder der NSDAP in Tirol nieder: 1938 hatte die NSDAP in Tirol knapp 8.000 Mitglieder. Im Mai 1943 waren es bei einer Bevölkerung von 360.000 bereits 73.323 Mitglieder.

Eines davon war der spätere Landeshauptmann Eduard Wallnöfner, der im Juni 1938 einen Antrag auf Aufnahme in die NSDAP stellte und mit 01.01.1941 mit der Mitgliedsnummer 9 566 289 aufgenommen wurde. Eine historische Tatsache, die im Frühjahr 2005 seinen Nachfolger und Schwiegersohn Herwig van Staa dazu brachte, die Authentizität der Mitgliedskarte anzuzweifeln.

Beim Novemberpogrom 1938 ist Innsbruck im Verhältnis zur Größe der jüdischen Gemeinde einer der blutigsten Schauplätze im ganzen Deutschen Reich. Bereits im September 1938 hatte rund ein Drittel der jüdischen Bevölkerung Tirol verlassen. Nach der Einladung von Adolf Eichmann durch die Gestapo im September 1938 wurden 24 Oberhäupter jüdischer Familien in Innsbruck verhaftet.

In den frühen Morgenstunden des 10. November 1938 wurden in Innsbruck mindestens 25 Familien überfallen und vier Menschen ermordet. Der Reichssicherheitsdienst stellt zur Pogromnacht in Innsbruck fest: „Falls Juden bei dieser Aktion keinen Schaden erlitten haben, dürfte dies darauf zurückführen sein, dass die übersehen wurden.“

Das Projekt


In einer Zeit, in der PolitikerInnen wieder die Internierung von Menschen und die Einrichtung von Erziehungslagern fordern, hat das Jahr 2008 nicht nur als Gendenkjahr Aktualität. Zu befürchten ist auch, dass im Jahr der Tiroler Landtagswahlen die Gangart und der Jargon noch verschärft werden.

Das Freie Radio Innsbruck FREIRAD 105.9 wird dreißig Sendungen von jeweils vier bis fünf Minuten mit Kurzbiographien von Innsbrucker  WiderstandskämpferInnen und von Opfern des NS-Regimes produzieren und ausstrahlen.

Die Biographien werden in Zusammenarbeit mit dem Institut für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck, der Jüdischen Kultusgemeinde, der Michael Gaismaier Gesellschaft und dem Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes erstellt und anschließend von professionellen SprecherInnen eingesprochen.

Nach einer mehrwöchigen Ankündigung durch einen Jingle erfolgt die Ausstrahlung der Sendungen während des ganzen Septembers 2008 täglich von 11:00 bis 11:06.En bloque ausgestrahlt werden die Sendungen nochmals am 10.November 2008.Da Gesellschaften dazu tendieren, Gedenktage und -orte zu schaffen, die das Gedenken ritualisieren und so Geschichte in Museen und Gedenkstätten zu entsorgen, wird Erinnerung verflacht und kommerzialisiert.

Durch Rückbindung an konkrete Orts- und Familiengeschichten findet wieder eine Konkretisierung der Geschichte statt. Historisches Wissen bekommt eine sinnliche Anschauung und emotionale Qualität. Durch solch ein Wissen entsteht die Möglichkeit, es auch für die Gegenwart produktiv zu nützen.

Mit dem Projekt Widerstand und Verfolgung in Innsbruck 1938–1945 will das Freie Radio Innsbruck FREIRAD 105.9 dazu beitragen, ein Geschichtsbild aufzubrechen, das unmittelbar nach 1945 aufgebaut wurde und in Tirol immer noch vorherrscht: dass sich die TirolerInnen während der Zeit des Nationalsozialismus, wie es Landeshauptmann Weißgatterer 1946 verkündete, „im ununterbrochenen Freiheitskampf“ befunden hätten.

Das Projekt soll außerdem dazu beitragen, dass sich die politisch Verantwortlichen in Stadt und Land endlich dazu durchringen können, von offizeller Seite zur Aufarbeitung der Geschichte zwischen 1938 und 1945 beizutragen.

Wenn es zusätzlich gelingt, durch das Erinnern an die Innsbrucker Frauen und Männer im Widerstand sowie an die Opfer des Nationalsozialismus Verbindungen zur Gegenwart herzustellen, ist dies durchaus im Sinne des Projektes.

Parallel zu den Sendungen wird es ab August 2008 eine Plakatserie zur Sendung geben. Eine CD-Produktion ist nach Abschluss des Projektes angedacht, soll aber mit anderen Finanzierungsquellen verwirklicht werden.

Liste der Porträts in der Reihenfolge der Ausstrahlung
Alle Sendungen zum Nachhören auf  http://cba.fro.at
Eine Projektdokumentation findet sich auf  www.freirad.at