stadt_potenziale

Alte Heimat/Schnitt/Neue Heimat

ein Projekt von Horst Schreiber
stadt_potenziale 2010, Förderumme: € 16.000,–, Durchführung: 2010–2013
Erinnerungstheater. Foto: Irmi Bibermann
Alte Heimat – Schnitt – Neue Heimat, Erinnerungstheater. Foto: Irmi Bibermann
Projektbeschreibung

In der NS-Zeit wurden zahlreiche InnsbruckerInnen jüdischer Herkunft vertrieben, eine verschwindend geringe Zahl kehrte wieder in die Tiroler Landeshauptstadt zurück. Interviews mit dieser Gruppe Verfolgter in Wort und Bild fehlten bislang.

Ein Zeithistoriker, eine Geschichtsdidaktikerin und Theaterpädagogin, ein Schriftsteller und zwei junge Filmemacher reisen nach England und Israel, um die Erfahrungen dieser letzten ZeitzeugInnen mit Video-Interviews für die Gegenwart und Zukunft zu sichern und um ihren Erinnerungen Stimme und Gesicht zu geben. Lernen aus der Geschichte wird wesentlich erleichtert, wenn man sich mit den Geschichten von Menschen konfrontiert, die aus der eigenen Region, der eigenen Stadt stammen.

Die InterviewpartnerInnen werden nicht auf ihren Opferstatus reduziert, ihre Lebensgeschichte vor 1938 und der Aufbau einer neuen Existenz nach gelungener Flucht stehen ebenso im Mittelpunkt der biographischen Recherche wie ihre Erinnerung an den Nationalsozialismus.

Das Projekt „Alte Heimat/Schnitt/Neue Heimat“ nähert sich den Erzählungen mit einem wissenschaftlichen, künstlerischen und pädagogischen Zugang:
Horst Schreiber, der die Projektleitung innehat, organisiert die Begegnungen mit den ZeitzeugInnen, ihre Befragung und die wissenschaftliche Auswertung des Rohprodukts. Irmgard Bibermann erarbeitet ein Erinnerungstheater und schneidet mit Christian Kuen von zzapp.tv die Video-Aufnahmen in biographische und thematische Clips, um sie mit methodisch-didaktischem Material im Internet auf der website von www.erinnern.at zu veröffentlichen. Emir Handžo und Vinzenz Mell drehen einen Dokumentarfilm, während Christoph W. Bauer literarische Portraits der Interviewten verfasst.
Erinnerungstheater
Alte Heimat – Schnitt – Neue Heimat, Erinnerungstheater. Foto: Irmi Bibermann
Fotos: Irmi Bibermann
Alte Heimat – Schnitt – Neue Heimat, Erinnerungstheater. Foto: Irmi Bibermann
Durchführung

Das Projekt „Alte Heimat/Schnitt/Neue Heimat“ setzt sich aus mehreren Teilen zusammen:Das Erinnerungstheater „Alte Heimat/Schnitt/Neue Heimat“ wurde von spectACT mit der Gruppe „Darstellendes Spiel am Abendgymnasium Innsbruck“ unter der Regie von Irmgard Bibermann umgesetzt. Die Uraufführung fand am 1. März 2011 im Innsbrucker Westbahntheater statt. Dazu reisten aus England bzw. Israel auch die beiden ProtagonistInnen  Dorlie Neale (Dorli Pasch) und Abraham Gafni (Erich Weinreb) an.      

Weitere Informationen zum Erinnerungstheater auf www.erinnern.at
Ausschnitte aus „Alte Heimat/Schnitt/Neue Heimat“ auf YouTube

Der Innsbrucker Autor Christoph W. Bauer porträtierte in Die zweite Fremde. Zehn jüdische Lebensbilder „zehn Menschen, die in den Märztagen 1938 aus Innsbruck und Wien fliehen mussten, die aus ihrer Kindheit vertrieben wurden, aus einem Leben, für das sie Träume und Pläne hatten. Um in ihren Fluchtländern England und Israel Fuß zu fassen, galt es, ihre Muttersprache zu verdrängen, auch zu verheimlichen, denn Deutsch war die Sprache der Täter. So wurde ihnen die Fremde zur neuen Heimat, die alte Heimat zur zweiten Fremde.“
Zur Buchrpräsentation am 21. Mai 2013 reisten die Zeitzeugen Peter Gewitsch und Michael Graubart an.

Weitere Informationen zum Buch auf www.haymonverlag.at

Der Dokumentarfilm „Alte Heimat/Schnitt/Neue Heimat“ von Vinzenz Mell und Emir Handžo hält Erinnerungen emigrierter Innsbrucker Jüdinnen und Juden fest, die auf der Flucht vor der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik in England und Israel eine neue Heimat gefunden haben.
Der 25-minütige Film wurde am 7. November 2012 im Leo-Kino Innsbruck im Rahmen von Cinema Next Premiere mit anschließender Diskussion aufgeführt.


Nachbetrachtung

Aus dem Projekt „Alte Heimat/Schnitt/Neue Heimat“ ist ein Nachfolgeprojekt erwachsen: Horst Schreiber/Irmgard Bibermann: Von Innsbruck nach Israel. Die Lebensgeschichte von Erich Weinreb/Abraham Gafni wird als Buch im Mai 2014 erscheinen.

Erich Weinreb/Abraham Gafni, einer der jüdischen ZeitzeugInnen des Projekts „Alte Heimat/Schnitt/Neue Heimat“ floh als Zehnjähriger mit seinem jüngeren Bruder Leopold/Arie von Innsbruck über Wien nach Palästina, wo er nun 85-jährig in Israel lebt. Der Vater, die kleine Schwester, die Großeltern Turteltaub, welche die Buben aufzogen, und viele weitere Verwandte wurden ermordet, die Mutter war bereits früh verstorben. Im „Raum der Familien“ im „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ in Berlin ist die Familie seines Onkels Edmund Turteltaub als eine der 15 Familien, die den Holocaust nicht überlebten, vorgestellt. Am 10. Mai 2011 hat Bürgermeisterin Mag.a Christine Oppitz-Plörer Abraham Gafni das Verdienstkreuz der Stadt Innsbruck überreicht.

Ziel des Buches ist es, Abraham Gafnis Leben in Innsbruck, Flucht und Vertreibung, Neuanfang in Palästina/Israel bis zu seiner aktuellen Situation ebenso zu dokumentieren wie seine Familiengeschichte und sein Verhältnis zur alten und neuen Heimat. Im Mittelpunkt steht der gegenwärtige Blick von Abraham Gafni auf Innsbruck und Israel im Kontext des Familiengedächtnisses. Tragendes Gestaltungselement ist die Visualisierung der Familiengeschichte mit der Erzählung des Zeitzeugen.

Ein Essay zur Geschichte der Juden Tirols im 19. und 20. Jahrhundert stellt die Lebenserinnerungen von Abraham Gafni in den übergeordneten historischen Bezugsrahmen.