stadt_potenziale

Warteräume – eine visuelle Recherche in Flüchtlingsunterkünften in Tirol

ein Projekt von Cortex. Verein zur Förderung visueller Forschung
stadt_potenziale 2012, eingereicht als Raum. Macht. Struktur. Eine visuelle Recherche in den Flüchtlingsunterkünften in Tirol, Fördersumme: € 4.400,–, Durchführung: 2012/2013
Warteräume. Fotos: Günter Richard Wett
Warteräume. Foto: Günter Richard Wett
Projektbeschreibung

Die Aufnahme und Unterbringung von Asylsuchenden ist in Österreich ein breit und vor allem emotional diskutiertes Thema. Der Diskurs orientiert sich an der Sicherheitsfrage, die, politisch motiviert, mit der Asylfrage verknüpft wird. Medienwirksam inszeniert stehen Zahlen und Statistiken, die Quotenerfüllung der Bundesländer und die Frage nach humanitären Standards im Raum – bezogen auf die Dauer des Asylverfahrens und auf die Integration oder Nicht-Integration in den Arbeitsmarkt. Kein Thema und der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt ist die Wohnsituation der Flüchtlinge bzw. AsylwerberInnen, wenngleich sie mit vielen teils falschen oder einseitigen und vereinfachenden Annahmen aufgeladen ist.

Wenn Raum nicht als Gefäß, sondern als Medium aufgefasst wird, in dem gesellschaftliche Beziehungen verhandelt werden, dann kann und wird Raum auch bewusst zur Strukturierung sozialer Beziehungen eingesetzt. Damit ist die Entscheidung über Standort und Beschaffenheit des Raumes für AsylwerberInnen eine Machtausübung, die soziale Verhältnisse produziert. Dieser Vorgang ist jedoch nicht monodirektional. Das Soziale konstituiert auch den Raum, gestaltet ihn und definiert ihn: freilich in Gartenbausiedlungen stärker als in Gefängnissen. Ausmaß und Zirkulation der Raumaneignung durch seine NutzerInnen wird neben disziplinierenden Maßnahmen vor allem auch durch den Standort der Unterkunft, seine Einbindung in andere soziale Strukturen und durch die Architektur des Ortes bzw. Gebäudes selbst gesteuert. Architektur akzentuiert soziale Differenzen und verfestigt Hierarchien hinsichtlich Herkunft, Geschlecht und Alter.
Warteräume. Foto: Günter Richard Wett
Warteräume ist ein Projekt, das sich mittels der Medien Fotografie und Video an die Wohnsituationen und die Aneignungsstrategien der untergebrachten AsylwerberInnen annähert, die Raumkonstitutionen visuell offenlegt und dabei die BewohnerInnen selbst zu Wort kommen lässt.

Warteräume untersucht alle zwanzig Flüchtlingsheime in Tirol und fragt nach deren räumlichsozialer Einbindung in zentrale oder periphere Lagen, deren baulicher Gestalt als temporäre oder offene Unterkünfte sowie deren ursprünglicher Nutzung und Funktion als Teil der Disziplinierung, Bildung, Privatheit, Freizeit- und Tourismusindustrie etc.

Warteräume sind Unterkünfte, in denen die Zeit durchlässig wird, da die Dauer des Wartens auf einen ungewissen Ausgang des Asylverfahrens nicht definiert ist. In ihnen leben Menschen, die als BürgerInnen nicht existieren – im politischen Sinn, da sie keine Stimme haben, im sozialen Sinn, da ihnen nicht zugehört wird.

Warteräume strebt als Ziel die Sichtbarmachung dieser Heterotopien (Michel Foucault) und den damit verknüpften sozialen Beziehungen durch eine Ausstellung und begleitende Publikation an. Das vorliegende Buch dokumentiert eine Zwischenstation nach zehn untersuchten Heimen.

Projektdokumentation zu Warteräume als PDF zum Download

weiteres Projekt der stadt_potenziale von Cortex:
Übergangsorte, 2015

Warteräume. Foto: Günter Richard Wett
Warteräume. Foto: Günter Richard Wett
Warteräume. Foto: Günter Richard Wett
Warteräume. Foto: Günter Richard Wett