stadt_potenziale

Ver-ortete Geschichte(n)

Ein Projekt von Lisa Nussmüller, Laura Masuch
stadt_potenziale 2015, Fördersumme: € 6.100,–
Durchführung: 05–12/2015

Ver-ortete Geschichte(n), Grassmayrstraße 23. Foto: Reinaud Dietsch
Ver-ortete Geschichte(n), Grassmayrstraße 23. Foto: Reinaud Dietsch
Projektbeschreibung

Geschichte(n) unterschiedlichster Orte in Innsbruck sollen aufgespürt und sichtbar gemacht werden. Orte, Gebäude oder Leerstellen im Stadtbild werden ausgewählt, die sonst wenig oder keine Beachtung finden (alte Fabrikhallen, ungenutzte Parks, abgerissene Gebäude etc.). Durch Gespräche/Interviews mit ZeitzeugInnen, NutzerInnen, AnrainerInnen und Recherche historischer Quellen werden Informationen, Geschichten und Leben des Ortes dokumentiert und aufbereitet. Die gesammelten Informationen werden pro Ort auf einer Tafel grafisch ansprechend aufbereitet, installiert und präsentiert. Durch ein innovatives Konzept mit mobilen Sitzgelegenheiten, einer Bar, Getränken und Musik werden Menschen angesprochen, an den Orten zu verweilen und sich damit auseinanderzusetzen. Bei den Vernissagen soll das Publikum direkt mit Erzählungen der eigenen Erfahrungen eingebunden werden.

Nähere Informationen zum Projekt sind unter www.verortete-geschichten.net abrufbar.
Ver-ortete Geschichte(n), Grassmayrstraße 23. Foto: Reinaud Dietsch
Ver-ortete Geschichte(n), Grassmayrstraße 23. Foto: Reinaud Dietsch
Ort 1: Grassmayrstraße 23

Die Auftaktveranstaltung zum Projekt findet am Donnerstag, 28. Mai 2015, 18 Uhr, in der Grassmayrstraße 23 in Innsbruck statt. Die zum Areal gesammelten Informationen wurden auf einer Tafel mit folgendem Wortlaut zusammengefasst:

AREAL GRASSMAYRSTRASSE 23
Vom Bierlager – zur Walddorfschule – zum Metallhandel – zum Kulturort: Nutzungen (Auszüge)
Das ganze „Eck“, inklusive Areal in Richtung Frauenanger, Neurathgasse (zweigt ab) war schon früh „verrufen“. Die alte Bahnführung trennte das „Eck“ ab, man war sehr exkludiert von der Stadt (ab ca. 1960er: neue Bahnführung)
(ZeitzeugInnen, Stadtarchiv)

1970
scheint die Brauerei Gösser unter dieser Adresse auf, zum genauen Zeitraum gibt es keine verlässlichen Quellen – späterer Besitzer ist die Brauunion.
(ZeitzeugInnen, Stadtarchiv)

1986–1989
Freie Walddorfschule Innsbruck
„… der Obmann. Er hat es irgendwie ausgespitzt. Der Grund hat Gösser gehört. Die haben uns ein äußerst günstiges Angebot gemacht. Es war wenig zu zahlen, die waren recht nett, die haben uns fast gesponsert eigentlich (lacht).“
(Johann Porpaczy, Elternteil Walddorfschule)

„Und des war ne sehr stressige Zeit aber auch ne richtige so Pionierzeit, wo Eltern nach Ihrer Arbeit, da in der Freizeit hergekommen sind und da mitgeholfen haben. Zahnärzte, einer der praktisch in den Zähnen herumgebohrt hat, hat am Abend weiter gebohrt … (lacht) … mit m Bohrer und mit m Presser … da haben alle zusammen geholfen ... und nach 5 Wochen, also mit einer Woche Verspätung, haben wir dieses Schulgebäude so in unserem Sinne gestaltet (...) Das war im Herbst 1986.“
(Herrmann Hauser, Gründungskollegium Walddorfschule über die Gestaltung des Schulgebäudes)

ca. 1990–1993
Café Snooker – aus Berichten von Gästen und ZeitzeugInnen
Das Café auf dem Gelände hieß „Cafe Snooker“ (Gesellschaft m.b.H.). Laut ZeitzeugInnen war es „finster gewerberechtlich“ organisiert. Es gab billiges Bier und Schnitzel, zuerst im Hof auf Bierbänken, dann auf der Terrasse und laut einem Besucher von damals eine „sehr hübsche Kellnerin“, drinnen Spielautomaten und Snookertische. „Ein Snooker war mal drüben. Das war so das Bermuda-Dreieck. Der Snooker mit dem Bierstindl und das Utopia. Da wo das Weekender jetzt ist … vor ungefähr 20 Jahren.“
(ehemalige Gäste und ZeitzeugInnen)

ca. 1995 bis Anfang 2008
Metallhandel Grassmayr und Brandschutz- und Feuerwehrtechnik
Der Metallhandel gehörte bis 2002 zur Firma Grassmayr, dann wurde er vom jetzigen Betreiber übernommen. Ab 2008 in der Feldstraße. Zwischen ca. 2000 und 2003 war zusätzlich die Brandschutz- und Feuerwehrtechnik der
Firma Grassmayr am Areal angesiedelt.
(Metallhandel Grassmayr, Johannes Grassmayr)

2011-2012
Car Clean X Autoaufbereitungs- und Reinigungsfirma
Damaliger Besitzer nach Deutschland verzogen.
(Herr Balkan, ehemaliger Geschäftsfuhrer)

Seit 2014
Motel, Betreiber: Kulturverein Brache
Das „Motel“ ist eine Zwischennutzung. Voraussichtlich bis Oktober 2015 verändern und bespielen verschiedene Gruppen und Initiativen das Areal.
„Davor ist es leer gestanden. Seit glaube ich einem Jahr oder zwei Jahren so ungefähr. Und, ja war auch wegen der Grassmayrkreuzung, die eigentlich da schon lange hinkommen soll.“ Vom Vermieter war ursprünglich vorgesehen, Parkplätze am Gelände zu schaffen, die „ein gutes Geschäft“ sind. (Vinzenz Mell, Verein Brache)
Der Verein Brache hat das Gelände Grassmayrstrasse 23 angemietet: Vereinsziel ist es, Leerstände in Innsbruck, jeweils für einen beschränkten Zeitraum, zu aktivieren und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen – vor allem solchen Initiativen, bei denen nicht der ökonomische Erfolg im Vordergrund steht.
Foto: Christian Niewo
Ver-ortete Geschichte(n), Kapuzinergasse 39. Foto: Christian Niewo
Kapuzinergasse 39.
Ver-ortete Geschichte(n), Kapuzinergasse 39.
Ort 2: Siebenkapellenareal Kapuzinergasse 39

Am 23. Juli 2015 wurden bei einem Apero in der Kapuzinergasse 39 die erfahrenen Geschichten rund um das Siebenkapellenareal mit AnrainerInnen und Interessierten geteilt und Raum zum Ergänzen gegeben. Die zum Areal gesammelten Informationen sind auf einer Tafel zusammengefasst: SIEBENKAPELLENAREAL KAPUZINERGASSE 39
Kirche – Militärlager – Telegraphenmagazin – Verfall – Kulturort: Nutzungen (Auszüge)

Geschichts-Ort
1583–84 „Heilig-Grabkirche“ wird nach dem Muster Kirchenart in Jerusalem erbaut. 12 Jahre später wird das Vorhaus durch Südsturm zerstört, 1670 muss die nicht instandgehaltene Kirche wegen Einsturzgefahr abgetragen werden. 1677 wird mit Bruchmaterial eine neue Kirche gebaut.1785 fällt die Kirche der Säkularisierung unter Joseph II. (1741–1790) zum Opfer, das Vermögen wird einverleibt, das Inventar zum Teil anderen Kirchen übergeben. 1792 ersteigert von Johann Baptist Oberkofler. Bereits ein Jahr später muss er sie an das Militär abtreten musste: Kirche wurde zu Magazin umfunktioniert. 1945–1988: Das gesamte Areal wird durch die Post- und Telegraphendirektion für Lagerzwecke angemietet. Ein ehemaliger Anwohner: „(...) Doch die meisten Räume waren staubüberzogen und leer, mit ein wenig Gerümpel darin. Für uns damals 10- bis 14-Jährige war das immer eine abenteuerliche Spielstätte, über die Dächer kraxeln, neue Einstiegsluken und Räume entdecken, und dabei vor allem nicht vom Postpersonal erwischt zu werden.“ Schon in den 1970ern gibt es andere InteressentInnen, die z. B. ein Kulturzentrum gründen wollen. Ab 1988 steht das Areal leer und wird nur fallweise genutzt.

Zwischennutzungen (Auszüge)

Der Ort wurde oft für Kunst- und Kulturveranstaltungen genutzt, einerseits weil der „morbide Zustand“ erwünscht war, andererseits weil es durch den schlechten Zustand billig zu mieten war. Es gab viele Ausstellungen am Areal. Ca. 1995–1996 inszeniert das Pandora Theater Stücke am Areal, von 2007–2009 das Theater praesent, unter anderem wird „MacBeth“ aufgeführt. Ebenfalls 2009 spielt der italienische Theaterverein Fellinis „La Strada“. Die Wettbewerbe der FloristInnen-Meisterklasse fanden mehrmals statt und ließen das Areal mit Blumen und Gestecken erstrahlen. Die Waldorfschule Innsbruck nutzte das Areal für Outdooraktivitäten (z. B.: Bogenschießen, Steinbearbeitung ...) 2014 werden Szenen der ORF-Filmreihe „der Metzger“ auf dem Areal gedreht.

Der Verfall und die Nicht-Nutzung des Areals beschäftigen die Öffentlichkeit:
1968 wird in einem Artikel der Tiroler Nachrichten angekündigt, dass die heruntergekommene, als Lager/Magazin genutzte Kirche wieder ihrem ursprünglichen Zweck zugeführt werden soll. „Ringsum werden nun Hochhäuser gebaut, so daß diese Gegend, die alte Innsbrucker „Kohlstatt“, dringend ein Gotteshaus braucht (…)“ (5. April 1968). Diese Pläne werden jedoch nicht umgesetzt. 1975 werden andere Restaurierungspläne des Architekten Kurt Reuters in der Tiroler Tageszeitung (TT) diskutiert: Er möchte die Kirche als Sakralmuseum gestalten und die Flächen rundherum als Park der Öffentlichkeit zugänglich machen. (21.Jänner 1975) 1983 beschweren sich auch die Innsbrucker Nachrichten. Die Kirche sein „ein Schandfleck, der wehtut (…)“ (4. Oktober 1983) 1992 ist noch nichts mit dem „arg verfallenen Gebäude“ passiert: es wird überlegt, die Kirche und die alten Magazine für dasMozarteum zu renovieren. (TT 07.Mai 1992) 1994 gewinnen die Architekten Riepl/ Moser den Wettbewerb für die Adaptierung für das Mozarteum, ein Baubeginn ist nicht in Sicht. (TT 26./27. Februar 1994) 2010 ist immer noch nichts geschehen – die sanierungsbedürftige Kirche diente allerdings auch laut TT als Veranstaltungs- und „Partyraum“. (TT 22. August 2010)
Ver-ortete Geschichte(n)
Ver-ortete Geschichte(n), Conradstraße 9.
Conradstraße 9.
Ver-ortete Geschichte(n), Conradstraße 9.
Ort 3: ehem. Italienisches Generalkonsulat, Conradstraße 9

Am 11. September 2015 fand der dritte Apero von Ver-ortete Geschichte(n) am Areal des ehemaligen italienischen Generalkonsulats statt: mit italienischer Live-Musik von Leo und mit italienischem Wein und Häppchen. Dazu serviert wurden Geschichte(n) zum Gelände und alle waren eingeladen, eigene Erlebnisse dazu zu erzählen oder auf Postkarten zu ergänzen. Die zum Areal gesammelten Informationen sind auf einer Tafel zusammengefasst:

INNSBRUCKS „LITTLE ITALY“
In der Conradstraße 9 befand sich bis 2012 das italienische Generalkonsulat.

Auszüge aus der Nutzungsgeschichte und Erinnerungen von ZeitzeugInnen:

Das Gebäude
„Das Gebäude wurde von der Republik Italien eigens für den Zweck des Generalkonsulats erbaut. Als Bürogebäude konzipiert war es ein zweckmäßiger Bau, sehr funktionell angelegt. In den Jahren wurden etliche Veränderungen vorgenommen um am Stand der Technik zu bleiben und den sich immer ändernden Anforderungen gerecht zu werden.“
Interviewausschnitt Carlos Quaroni, ehemaliger Büroleiter des Konsulats

Architekt des Gebäudes war Herbert Neubauer. Er hat ebenfalls das Ambulatorium der Tiroler Gebietskrankenkasse in der Museumsstraße geplant.
Quelle: Innsbrucker Stadtarchiv

Im Achleitner-Architekturführer, ein Band in dem die „bemerkenswerte“ österreichische Architektur des 20. Jahrhunderts vorgestellt wird, ist das Gebäude lobend erwähnt: „In die Villenstruktur von Saggen gut eingefügtes Botschaftsgebäude in der typischen „gemäßigten Moderne“ der fünfziger Jahre. (...)“
Quelle: Achleitner, Friedrich (1980): Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert. Residenzverlag.

„Wenn Sie mich fragen, wie es war, sage ich, es war angenehm dort zu arbeiten. Das Gebäude war toll konzipiert und es war sehr schön in Saggen zu arbeiten.“
Carlos Quaroni, ehemaliger Büroleiter des Konsulats

„Es war sehr italienisch. Du findest in ganz Innsbruck nicht so ein Gebäude. Du hast das Gefühl gehabt, du bist wirklich irgendwo im Süden. Und es war wirklich spannend, weil das Saggen ist ja königlich-kaiserlich, da siehst du den Einschlag von Wien. Und dann gehst du in das Gebäude und dann ist da ein nackter Steinboden, total reduzierte Sessel, fast so wie in Wartesälen in Italien wo nichts ist, so als ob es arm wäre, aber halt italienisch. Und dann dieser Schalter und sonst nichts. Und ich habe mir oft gedacht im Konsulat drin, das war wie eine andere Welt, das war wie Italien.“
Interview mit P., eine ehemalige Kundin des italienischen Konsulats

Tag ein, Tag aus: Konsulatsarbeit
„Romanische Lebendigkeit bedingt nur zu einem Teil die Betriebsamkeit im Generalkonsulat, denn die Arbeit, die man in der Conradstraße Tag für Tag bewältigt, ist beachtlich. So schätzt man, abgesehen von den rund 1500 Südtiroler Studenten, den Kreis der Personen, die es in den drei Bundesländern (Anmerkung: das Konsulat war für Tirol, Vorarlberg, Salzburg zuständig) zu betreuen gilt, auf etwa 6000.“
Quelle: Artikel „Lebendiger Gedankenaustausch der Nachbarn“, Tiroler Tageszeitung, 1979, Nr. 23/2.

„An Spitzenzeiten waren ca. 20 Personen im Generalkonsulat beschäftigt. Die Zeiten waren damals einfach anders und der Personalbedarf war viel höher. Es gab keine Telefonzentrale, neben jedem Telefon musste eine Sekretärin sitzen, die das Telefon abgehoben hat weil nicht durchgewählt werden konnte. Außerdem gab es viele Schreibkräfte, alles wurde stenografiert.“
Interviewausschnitt Carlos Quaroni, ehemaliger Büroleiter des Konsulats

„Die Schalterdame, die war so eine Mischung aus sehr gesprächig und freundlich und immer wieder so ein bisschen theatralisch. Und irgendwie habe ich auch das Gefühl gehabt, dass sie so gestresst wirkt. Obwohl in den letzten Jahren war im Konsulat gar nichts mehr los. Ich glaube ich war eine von den wenigen, die sich dort ihren Pass geholt hat weil ich dafür nicht nach Südtirol fahren wollte.“
Interview mit P., eine ehemalige Kundin des italienischen Konsulats

Little Italy
„Es fehlte auch an einer Klimaanlage, Sie können sich nicht vorstellen, wie heiß es bei uns war. Ab 3 Uhr Nachmittags konnte man im Sommer nicht mehr arbeiten – die Hitze kam von allen Seiten. Da haben wir versucht nicht mehr im Büro zu sein. Das Dach war aus Steinen und drüber so eine dunkle Folie – die Hitze war unerträglich. Es gab zwar ein paar Bäume im Garten, die haben aber in meinem Büro keinen Schatten gebracht.“
Carlos Quaroni, ehemaliger Büroleiter des Konsulats

„Ich habe mir oft gedacht, das ist geil: Du kannst ins Konsulat gehen und hast kurz einen Trip nach Italien gemacht.“
Interview mit P., eine ehemalige Kundin des italienischen Konsulats.

Schluss
Das Konsulat wurde 2012 in der Conradstraße geschlossen und ist in die Wilhelm-Greil-Straße übersiedelt. Am Ende waren nur noch 2 Personen im Gebäude beschäftigt, die zwölf Büroräume wurden nicht mehr gebraucht. Nun ist ein Neubau für das Gelände in der Conradstraße 9 geplant, nähere Details sind noch nicht bekannt.
Ver-ortete Geschichte(n), Maria-Theresien-Straße 57.
Ver-ortete Geschichte(n), Maria-Theresien-Straße 57.
Ort 4: Bombastische Geschichte(n) um und über die Maria-Theresien-Straße 57

vom Sportgeschäft zur Tiroler Waffenfabrik – zerbombt und wieder aufgebaut – vom Hightech-Büro zum upcycling studio und vieles mehr.

Am Donnerstag, 8. Oktober 2015, 18 Uhr, erzählt das Projekt bombastische Geschichte(n) zum Eckhaus in der Maria-Theresien-Straße mit tschechischem Bier noch unbekanntem Wein & Co. Treffpunkt: vor dem Eingang.

14.11.2015: Abschlussfest in der Bäckerei

Ausstellung von den bespielten Orten, die im Projekt Ver-ortete Geschichte(n) besucht wurden, und denen, die in Zukunft bespielt/bepinselt/kreativ genutzt werden sollten, Live-Musik von den Uptown Monotones, Snacks und Unterhaltung. Näheres auf Facebook.
Abschlussfest Ver-ortete Geschichte(n). Foto: Lisa Nussmüller
Abschlussfest Ver-ortete Geschichte(n). Foto: Lisa Nussmüller