stadt_potenziale

Ohne Theorie keine Revolution

ein Projekt von p.m.k (David Prieth, Rene Nuderscher, Maximilian Thoman, Maurice Kumar nach einer Idee von Ulrike Mair)
stadt_potenziale 2017, Fördersumme: € 5.000,–
Durchführung: 02–06/2018

Bumm Bumm Bumm. © Christoph Hinterhuber
Bumm Bumm Bumm. © Christoph Hinterhuber
Projektbeschreibung

Mit der Veranstaltungsreihe soll eine überschaubare Bandbreite an pop-relevanten Themen, in nicht gänzlich ausformulierten, aber keineswegs beliebigen Sondierungversuchen, ausgestellt werden. Popkultur als reines Aufschreibesystem betrachtet, speichert im Strudel der Geschichte seine Phänomene, Wissensbestände und ritualisierten Praktiken, auf die ein ständiger Zugriff stattfindet, sodass ihre Archivierung – so scheint es – in einer Eliminierung von Zeit und Raum verfließt.

Transkulturelle Teilsubjektivierung findet als ein Hereinbrechen der Digitalisierung in wunderschönen hybriden Formen ihren Ausdruck. Speziell über die sich pop-geschichtlich verfestigte Taping-und Samplingkultur werden vormals monolithisch gewachsene Einheiten zu popkulturellen Dispersionen. Könnte man das Bejahen dieser Kräfte bereits als emanzipatorische Transformation begrüßen, oder ist es lediglich das altbekannte Abfeiern der Oberfläche? Die Frage der Selbstermächtigung ist eine der essentiellen Fragen der intellektuellen Pop-Verstehen-Woller und -innen. Man sollte sich nicht die Hoffnung machen, dass Fragen dieser Art auf der Veranstaltung beantwortet werden. Das Ideal des mehrteiligen Kränzchens wäre eher ein reflektiertes und deshalb produktives Scheitern anhand der großen Fragestellungen.

So versprechen uns Techno und Rave Musik (die Ideale der Anfangszeit) eine Form der Unio Mystica – rhythmische Gleichschaltung und Demokratie? – jacked bodies und synchronisierte Gehirnwellen im auffrisierten Hippie-Update, die auf der Tanzfläche in aufgeladene Teilchen verwandelt werden.

Hip-Hop bewegt auch Körper, ja! In seinen Anfängen war Hip-Hop ein reines Subkulturphänomen, das seinen Ausgang in den 1970er Jahren in der New Yorker Bronx nahm und im Zuge der Entwicklung nicht zu trennen ist von emanzipatorischen Ansprüchen der schwarzen Unterschicht. Heute befinden wir uns in einer kaum zu übersehbaren Wirkkraft und globalen Präsenz dieser kulturellen Großmacht. Eine aktuelle Studie des Branchendienstes Nielsen zeigt, dass Hip-Hop und R'n'B zum ersten Mal in Sachen Streaming und Verkaufszahlen Rock überholt haben. Mit Dr. Dre gibt es gar einen Milliardär (!) im Game – und der Rapper Kendrick Lamar ging in der Amtszeit von Obama im weißen Haus ein und aus. Vor diesem Hintergrund könnte man sich die Frage stellen, welchen Sinn es noch hat, eine politische Agenda oder gar ein Revolutionsdenken im Hip-Hop zu skandieren?

Staiger, eine der wichtigsten Schanierfunktionen zwischen Hip-Hop und Politik im deutschsprachigen Raum (er versteht sich selber als Marxist), bezweifelt, dass die Rolle von Rap eine revolutionäre sein könne/müsse. Hip-Hop könne meist „nur“ Bestandsaufnahmen machen, soll heißen: die Welt in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit und Schlechtigkeit abbilden.

PopPopPop.


Müsste man sich nicht immer wieder die Frage stellen, was den Menschen hinter den Wänden, aus denen dröhnende Beats auf die Straßen dringen, mit ihrer Musik meinen, fühlen oder verstanden wissen wollen. Gibt es noch eine politische Partykultur bzw. haben diese Formate – von rappenden Individuen, die im Rampenlicht meist Bestandsaufnahmen ihrer Beobachtungen skandieren, oder Einzelgängern, die hinter Plattenspielern und Soundmaschinen aus dem Archiv der unendlichen Sample-Ansammlung des Ersatzteillagers unserer Musikgeschichte das Publikum zum exzessiven Tanzen auffordern noch transversale Agenden? Oder hat sich diese im molekular gewordenen Kapitalismus so zerbröselt und in monadische Appendizes jenseits von Raum und Zeit einer Partylocation verstohlen?

Technomusik hat sich globalisiert, von den früheren Bestrebungen im Kontext technologischer Entwicklungen und der Entdeckung des Cyberspace Entsubjektivierungsprozesse und die temporäre Aushebelung eines Zeitkontinuums anzustreben, wie in britischen Underground-Clubs, bis zum Streben nach einem neuen schwarzen Selbstbewusstsein als Gegenstrategie gegen Reagan’sche Politik im Rostgürtel der USA. Hip-Hop und die als ihre Begleiterscheinung auftretenden Kulturtechniken des Graffitis oder des Breakdancen dienten der Individualisierung und Generierung von Autorenschaft zu urbanen Wertgesetzen. Als Psychotopologien dienten dieserart Strategien der Suche nach neuen „Räumen“ (geographische, soziale, kulturelle und imaginäre), die potentiell als autonome Zonen erblühen könnten und Individuationen zulassen, die man bis dahin nur imaginieren wollte.

Man hat sich von den früheren einfachen Codes und reduzierten Gestaltungsmitteln der Musik umtransponiert zu komplexen Soundwolken, die aus einer Form von Art of Noise zu neuen Sounds generiert werden. Gibt es in diesen (Pop)Kulturen noch dividuelle Agenden? 

Termine

15.03.2018
19 Uhr
p.m.k
Viaduktbogen 20
Innsbruck

Eintritt frei(willige Spenden)

Diskussion zum Thema Pop, Pop- & Subkultur und Gesellschaft
mit Thomas Meinecke (Autor/Popliterat/DJ) und Thomas Edlinger (donaufestial/Radiomacher/Journalist)
Moderation: Martin Fritz (Wissenschaftler/Autor/Performancekünstler)
Mit anschließenden DJ-Sets von Thomas Meinecke & Christoph Hinterhuber

Projektleitung von Ohne Theorie keine Revolution:
David Prieth, Rene Nuderscher, Maximilian Thoman, Maurice Kumar
nach einer Idee von Ulrike Mair

31.05.2018
Ohne Theorie keine Revolution
Einheit 2: Techno
15–17 Uhr
aut. architektur und tirol
Lois-Welzenbacher-Platz 1
Innsbruck

Eintritt: freiwillige Spenden

TALK mit
SASCHA KÖSCH (de:Bug Magazin/DJ Bleed)
JOCHEN BONZ (Universität Hildesheim/UIBK)
MATTHIAS PASDZIERNY (Universität der Künste Berlin)
BIANCA LUDEWIG (Universität Wien)
RROSE (Techno/Experimental/Mixed Gender)

im Rahmen des Heart of Noise Festival, Innsbruck 2018
Das Gespräch findet auf Englisch statt

Nachdem Techno zum Kulturerbe erklärt wurde – jedenfalls vom Finanzgericht Berlin Brandenburg – und dadurch unter anderem das Berghain weniger Steuern zahlen muss, könnte man sagen, dass Techno endgültig und mit Bässen und Hi-Hats in die böse Kulturindustrie à la Adorno hineinaddiert wurde. Könnte man. Aber warum immer gleich die Adornokarte ausspielen? Schließlich geht und ging es im Techno und der damit verbundenen Klubkultur immer schon um Hedonismus, Massenkultur und nicht zu vergessen die eine oder andere Fun-Substanz. Also war Techno immer schon grundlegender Bestandteil der Verwertungslogik in der Kulturindustrie!? Zieht man das Label Underground Resistance, das sich dezidiert einer politischen Agenda verschrieben hat, als Gegenbeispiel heran, kann man dadurch nicht auch eine ganze Szene vor der großen Schuld retten!? Die dringliche Frage wäre: Kann man heutzutage politisch tanzen? Oder besser gesagt, kann man die Königinnen der Nacht als metropolenrelevante Anarchisten betrachten oder ist das ein Schönreden von kurzzeitigem Eskapismus? Mit kulturpessimistischen Thesen reiht man sich heutzutage in die Elite der Popkulturtheorie ein. Seien es Mark Fisher, Georg Seeßlen oder auch the pope himself Diederichsen, alle eint ein mehr oder weniger großes Verfallsmotiv von Pop. Im Gegensatz zur No-Wave-Bewegung, die für sich eine Absage an die Zukunft getroffen hat, glaubt beispielsweise Mark Fisher, dass wir gar keine Zukunft mehr zur Verfügung hätten, weil wir nur noch in einer Retrokultur leben. In einem ewigen Kreislauf aus Zitaten und 1:1-Affirmationen ist die Popkultur zum rasenden Stillstand gekommen. Die These auf Techno angewendet, könnte man sich fragen, wen juckt’s, wenn ich dazu tanzen und aus-rasten kann?

weiteres Projekt der p.m.k bei den stadt_potenzialen: MOLE, 2008

07.12.2018
Ohne Theorie keine Revolution
Einheit 3: Metal
Doors 20:00
p.m.k
Viaduktbogen 19–20
Innsbruck
Eintritt: freiwillige Spenden

TALK mit
mit Dr.in Sarah Chaker | Dr.in Anna-Katharina Höpflinger | Mag. Marcel Amoser, MA.

People used to say, ”She's all right for a girl,“ and I'd be like, ”She's better than you, motherfucker!“
Lemmy Kilmister (Motörhead)

Spätestens seit den 1980ern ist der Siegeszug des Metals nicht mehr aufzuhalten. Die Subkultur verfügt inzwischen über ein weltumspannendes Netzwerk aus Clubs, Festivals, Magazinen und Onlinekommunikationstools; es gibt mit Encyclopaedia Metallum ein eigenes Lexikon, es existieren spezielle Datingseiten für Metalheads und auch in der Wissenschaft ist Metal inzwischen zu einem ernstzunehmenden Forschungsgegenstand avanciert. Zahlreiche Lehrveranstaltungen an Hochschulen, Fachpublikationen und internationale Symposien setzen sich mit dem Phänomen Metal in all seinen Aspekten auseinander und verdeutlichen, dass Metal auch durchaus als identitätsstiftende Grundlage für ganze Lebensentwürfe herangezogen wird.

In der dritten Einheit unserer Diskussionsreihe „Ohne Theorie keine Revolution“ beschäftigen wir uns speziell mit Geschlechterfragen und Geschlechterkonstruktionen in Metal-Subkulturen. Dass gerade dieses Thema auf großes Interesse stößt, zeigen nicht nur Sammelbände wie “Heavy Metal, Gender and Sexuality” (2016) oder der Internationale Kongress “Heavy Metal and Gender” (Köln, 2009), sondern auch die leidenschaftlich geführten Diskussionen, die regelmäßig aufkommen, sobald Frauen in der Metal-Arena populär mitmischen (möchten). Jüngste Diskussionen um die Black Metal Künstlerin MYRKUR, die sogar Todesdrohungen erhielt, oder die japanische Band BABYMETAL lassen die Frage aufkommen, wie es tatsächlich um den Frieden der Geschlechter im Moshpit bestellt ist. Gleichzeitig kann Metal, speziell in seinen als “düster-romantisch” oder “episch” angehauchten Subkulturen wie Symphonic oder Gothic Metal, schon lange mit einem hohen Frauenanteil aufwarten. Auch experimentierte der Glam immer schon mit Androgynität, Queerness und Cross-Dressing, während andere Metal-Subkulturen ihre eher traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit gar nicht genug in Stein hauen können.Was aber ist an Metal so “männlich”? Und weshalb war dennoch das Spiel mit Geschlechtern im Metal immer schon ein großes Thema? Wird man also nicht als Metal*head geboren, um mit Simone de Beauvoir zu sprechen, sondern wird es? Und inwiefern hängen diese Fragen mit weiteren gesellschaftlichen Dimensionen (race, gender, class, ethnicity) in der Metal-Community zusammen? Diesen und mehr Fragen möchten wir an diesem Abend, nach einführenden Impulsreferaten der beiden Diskutantinnen, genauer nachgehen und gemeinsam diskutieren. – Text: David Prieth

Diskutantinnen:
Dr.in Sarah Chaker studierte an der Uni Oldenburg Musikwissenschaft und Germanistik, promovierte ebendort im Fach Musik zum Thema Black- und Death Metal und arbeitet derzeit am Institut für Musiksoziologie der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Extreme Metal ist ihr seit vielen Jahren ein treuer Begleiter, beruflich/wissenschaftlich wie privat. Derzeit träumt sie von der Realisierung einer Black Metal Winter School, bei der sich Metal-Profis aus allen möglichen Bereichen (Musik, Design, Veranstaltung usw.) gemeinsam mit Studierenden der intensiven wissenschaftlichen Analyse des Black Metal widmen können (Finanzierung steht noch aus..).
 Dr.in Anna-Katharina Höpflinger (Promotion an der Universität Zürich in Religionswissenschaft mit einer Arbeit über Drachenkampfmythen)Moderation: Mag. Marcel Amoser, MA. (Doktorand an der UIBK; Masterarbeit zu „Extreme Metal – Eine intersektionale Analyse von Musikvideos“ im Bereich Frauen- und Geschlechterforschung bzw. Gender Studies)

+ Konzert: THE NEGATIVE BIAS
With THE NEGATIVE BIAS, main founders I.F.S. (ex ALASTOR) and S.T. of the seminal project GOLDEN DAWN (also WALLACHIA & RAUHNÅCHT), together with Florian Musil (THEOTOXIN) on the drums, are realizing their musical vision of astral Black Metal of a higher order. Their musicianship is now at the service of this new project, mixing cold perceptions of reality and a visionary spectrum of primeval fear. THE NEGATIVE BIAS overcomes the usual terrestrial barrier, painting an even more disturbing image of a dystopic future. Hate can be easily analyzed by human science, but opening the portal of a new experimental universe may evoke new monsters. The musical approach of their latest album "Lamentation of the Chaos Omega" (ATMF, 2017) consists of wisely alternated layers of atmospheric Black Metal and Death Metal, creating a new cosmos of darkness.!

weiteres Projekt der p.m.k bei den stadt_potenzialen: MOLE, 2008

25.01.2019
Ohne Theorie keine Revolution
Einheit 4: HipHop
Doors 20:30
Vortrag 21:30
Konzert 23:30
p.m.k
Viaduktbogen 19–20
Innsbruck Eintritt AK: € 5,–

TALK mit
mit ANTIFUCHS | MARCUS STAIGER | MARC DIETRICH | DJ STICKLE | D.E.Y.
Moderation: ANNA SCHAUBERGER/THE UNUSED WORD/YOLO FERRARI

Bei der vierten Panel-Diskussion im Rahmen der Veranstaltungsreihe Ohne Theorie keine Revolution wird versucht das Themenfeld Hip-Hop diskursiv abzustecken. Zu den illustren Gästen an diesem Abend zählen Marcus Staiger - der jedem, der sich mit deutschsprachigem Sprechgesang beschäftigt, ein Begriff ist -, der Soziologe Marc Dietrich - Spezialist auf dem Gebiet Gangsta-Rap, Antifuchs, ihres Zeichens Rapperin, - sie wird nach der Diskussion auch ein Konzert geben, Dj - Stickle, der unter anderem auch Tracks von Yung Hurn produzierte und Dey, die Innsbrucker DJ Institution, die inzwischen auch auf dem renommierten Label Duzz Down San beheimatet ist.

MODERATION: Anna Schauberger (Jg. 1985) ist Musikproduzentin, Sängerin, Komponistin, Chorleiterin und Radiosendungsmacherin. Sie produziert unter den Pseudonymen The Unused Word und Yolo Ferrari. Sie gründete mit ihren bereits etablierten Kollegen Fray, Jay Miracho und Mosch die feministische Crew 4x4cl, die sich neben den Themen Frauenfeindlichkeit, Übersexualisierung, Rollenbildern und dem Themenbereich Chemiekonsum auch kritisch mit anderen sozialen und politischen Themen auseinandersetzt.

KONZERT: Willkommen im Fuchsbau! Antifuchs, die ihre Wurzeln im russischen Osten des Kontinents hat, gehört mit Sicherheit zu den besten deutschsprachigen MCs des Landes; sowohl auf Platte als auch auf der Bühne."Anti-Personenkult" nennt sie das, wenn sie für öffentliche Auftritte ihre Maske aufsetzt. Sie möchte sich eigenständig und unvoreingenommen Hörern präsentieren und den Fokus auf ihre Kunst lenken, ohne sich über ein Klischee, ein Geschlecht, eine Stilistik oder ein Wertesystem wie Klicks & Charts anzubiedern.

Ein Fuchs hat Feuer in sich, immer dann, wenn es sein muss, aber gleichzeitig besitzt er sensible Antennen und einen hohen Anspruch an alles, was sein Leben bestimmt; zum Beispiel Deutschrap!

weiteres Projekt der p.m.k bei den stadt_potenzialen: MOLE, 2008